Rosensüß

Dorn

Ich habe ein paar Tage Familie besuchen, mich erneut an James Joyce’ “Ulysses” wagen und Kamerakapazitäten testen hinter mir. Die hübschen Gartenimpressionen, die bei letzterem herausgekommen sind, sind hauptsächlich der offenen Blende meines (relativ) neuen Objektivs (Sigma 30mm f1,4) und der geringen Tiefenschärfe zu verdanken – es erfordert allerdings noch etwas Übung und Exaktheit meinerseits, damit richtig umzugehen. Bei der Hochzeit in einem Monat sollte ich noch etwas sicherer sein und mich am Besten auch mehr mit der RAW-Bildbearbeitung und Fehlerkorrektur auseinandersetzen. Wie man am Foto oben sieht: Bei den beiden größeren, unscharfen Wassertropfen rechts ist die violette chromatische Aberration ziemlich deutlich. Ein nicht nur metaphorisches Dorn im Auge. (;

Hier nun aber die süßere Seite und eine kleine Auswahl der gelungeneren Bilder:

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Ich finde es jedes Mal aufs Neue faszinierend, wie filigran Blütenblätter sind und wie Regentropfen perlen und so einem Bild einen frischen Kick geben. Zum Beweis, dass es nicht nur geregnet hat, gibt es aber auch noch ein Foto in trockenem Zustand – und einen wunderbar aromatischen Lavendelbusch:

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Gishwhes 2015

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Die letzte Woche habe ich mit ein paar verrückten Freunden verbracht, die mir vor einer Weile von “Gishwhes” erzählten. Die Abkürzung bedeutet “the greatest international scavenger hunt the world has ever seen”, aber eine Schnitzeljagd im üblichen Sinne ist es dann doch nicht – vielmehr geht es darum, in einem Team von 15 Personen möglichst viele Aufgaben einer langen item-Liste in möglichst guter Qualität zu absolvieren, als Foto oder kurzes Video. Die Items zielen darauf ab, schräge Dinge zu tun, aber auch kreativ zu werden und seinen Mitmenschen etwas Gutes zu tun.

Dieses Jahr war für mich also das erste Mal – und es hat sich gelohnt. Unsere Gruppe bestand (offiziell, freiwillige Helfer ausgenommen) aus sechs Personen im Wiener Unterteam, alle weiteren kamen aus den USA. Im Jahr davor haben sich die Wiener (damals noch eine kleinere Gruppe) und die Amerikaner bereits gefunden, da unvollständige Gruppen am Ende der Anmeldefrist zusammengewürfelt werden. Weil es so gut geklappt hat, sollte die Kombination im Groben also erhalten bleiben und ich kam zusammen mit ein paar anderen neu ins Team XAtlanticKaleFetish.

Ein Hund aus Damenbinden und ich vor der Müllverbrennungsanlage Spittelau.

Ein Hund aus Damenbinden und ich vor der Müllverbrennungsanlage Spittelau.

Dazu sei auch gleich angemerkt: Jedes Jahr beziehen sich einige Aufgaben auf “kale” (eine Art Kohl; warum auch immer), die Gishwhes-Maskottchen, die immer Mischwesen aus zwei Tieren sind, und die Serie “Supernatural”, da der Schauspieler Misha Collins, der das Projekt ins Leben gerufen hat, selbst daran beteiligt ist. Dieses Jahr bastelte eine von uns einen Hut aus Grünkohl und posierte mit einem Hotelangestellten in dessen Lobby – ein Beispiel für den Großteil der Aufgaben, der etwas eigenartig ist.

Aber genau das ist der Spaß daran – man tut Dinge, auf die man sonst im Leben nicht gekommen wäre, übertritt eigene Schamgrenzen und kommt so in Situationen, die man sonst nicht erlebt hätte.

Mit Stieleis vor einer Infrarot-Kamera.

Mit Stieleis vor einer Infrarot-Kamera.

Ich bin wahnsinnig beeindruckt davon, was man innerhalb einer Woche alles auf die Beine stellen kann. Im Rückblick ist es mir kaum möglich, eine einzelne Aufgabe herauspicken, die ich besonders gern gemacht habe oder deren Resultat mir am Allerbesten gefällt. Es ist mindestens eine Handvoll an Items, die mir speziell in Erinnerung bleiben – manchmal auch nur, weil wir dazu an einen Ort gefahren sind, den ich noch nicht kannte, oder irgendetwas Amüsantes an den Umständen war, das nicht einmal unbedingt mit der Aufgabe selbst zu tun haben musste. Dazu gehörte auf jeden Fall der Sonnenuntergang auf einem Wiener Dach mit Ausblick über die Stadt, wo wir uns für unsere Antwort auf die Frage “Was würdest du noch tun wollen, bevor die Welt untergeht?” trafen. Das Ergebnis befindet sich am Anfang dieses Artikels, hier folgen noch ein paar weitere Highlights aus dem Wiener Subteam.

Der Beweis, dass der Spruch "Niemand ist eine Insel" nicht wahr ist.

Der Beweis, dass der Spruch “Niemand ist eine Insel” nicht wahr ist.

Camouflage

Camouflage

Und unsere Petition zum Schutz der Einhörner:

Von Liebe und Traurigkeit – “The People of Paper”

Papierfrauen

Menschen aus Papier sind eine aussterbende Art im Roman “The People of Paper” von Salvador Plascencia. Die letzte Papierfrau, Merced de Papel, lebt an der US-amerikanischen Grenze zu Mexiko und scheint eine begehrenswerte Dame zu sein, der viele Liebhaber nicht widerstehen können, aber auch nicht lange bei ihr bleiben: Für Merced selbst ist Liebe zu vergänglich, um sich längerfristig an einen Mann zu binden, und die Zungen ihrer Geliebten sind bald zerfurcht von Papierschnitten, die sie sich zuziehen, wenn sie Merced oral befriedigen.

Klingt absurd? Willkommen im magischen Realismus! Diese literarische Strömung ist besonders aus der Feder lateinamerikanischer Autoren bekannt und vermengt zauberhaft-verrückte Elemente mit der Alltagswelt. Mir persönlich ist das noch aus dem Spanischabitur bekannt – und es kann durchaus verwirrend werden, wenn man die Geschichten zusätzlich in einer Fremdsprache liest, weil man sich manchmal fragt, ob man nun eine Vokabel falsch versteht oder es sich einfach um eine weitere abstruse Begebenheit handelt. Wer das vermeiden will und im Englischen nicht ganz textsicher ist, kann auch zur deutschen Übersetzung (von Conny Lösch; “Menschen aus Papier”) greifen, die ich allerdings nicht kenne, weil mir die englische Originalfassung ausgeliehen wurde.

The People of PaperBesonders, wenn dann noch mehrere Charaktere den gleichen Namen tragen, kann man schon mal ins Schlingern kommen. Neben Merced de Papel gibt es nämlich auch die menschliche Merced sowie Little Merced, ihre Tochter. Nachdem die Mutter ihre Familie verlassen hat, haben die Kleine und ihr Vater Federico de la Fe ganz eigene Methoden, um mit der Traurigkeit und dem Mangel umzugehen. Ich will nicht zu viel verraten, aber selbstverständlich sind das eher skurrile Verhaltensweisen, und sie bleiben nicht die einzigen damit. Man könnte sogar sagen, der Roman besteht aus verschiedenen eigenartigen Mitteln, mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen, nachdem dieser sich jemand anderem zugewandt hat. Vor allem um den Herzschmerz des Autors selbst, der in der zweiten Hälfte des Buches offenbar wird und die Geschichte für mich erst wirklich interessant gemacht hat, da ich den Erlebnissen der Charaktere zuvor nur mit wenig Anteilnahme folgen konnte.

Die Handlung konzentriert sich meist auf den Ort El Monte bei Los Angeles, bekannt für seine Blumenplantagen, in dem sich Federico de la Fe und Little Merced niederlassen. Neben ihren “guilty pleasures”, durch die sie die Abwesenheit der Mutter und Exfrau zu kompensieren suchen, steht vor allem der Krieg gegen Saturn im Vordergrund. Federico de la Fe fühlt sich nämlich von diesem Planeten in all seinem Tun beobachtet und will sich mithilfe der örtlichen Gang vor der absoluten Überwachung seines Lebens schützen. Fraglich nur, wie effektiv dies ist und ob den Bewohnern der Schutz der Intimsphäre ein isoliertes Leben wert ist.

“This is what becomes of reformed gangsters: they leave the life to become mathematicians.”

Baby Nostradamus

Eine ungewöhnliche Form: Erzählspalten, die ständig wechseln und manchmal nur ein schwarzer Balken sind.

Was beim Durchblättern des Buches gleich ins Auge sticht, ist die Formspielerei. Die Seiten sind teilweise wie übliche Kapitel strukturiert, meist aber in mehreren Spalten, in denen jeweils einzelne Charaktere verfolgt werden. Dazwischen immer wieder kleine Skizzen, ausgeschwärzter Text in verschiedenen Formen und Binärcode. (Ich gebe zu, spätestens seit “Das Haus / House of Leaves” von Mark Z. Danielewski bin ich Formfetischistin und habe an Büchern, die mit Text und Bild spielen, besonders viel Spaß.) Inhaltlich werden nicht nur lebensnahe Themen wie verflossene Geliebte, der Umgang mit Traurigkeit und Vergebung aufgegriffen; im Verlauf der Geschichte treten auch mehr und mehr literaturrelevante Fragen auf. Eher augenzwinkernd etwa: Haben Romanfiguren einen freien Willen? Aber auch: Darf ein Autor eigene Lebensereignisse und vorkommende Personen schamlos für seine Geschichten nutzen?

“It is not decent, Sal. To fuck and then tell is one thing, but to write about it – to allow the telling to never end …”

Insgesamt halte ich das Werk für ein schönes Stück experimenteller Literatur, das – trotz der gefühlten, stickigen Sommerhitze zwischen L.A. und Tijuana – eine erfrischende Abwechslung ist. Schade nur, dass die Charaktere mir irgendwie nicht ans Herz wachsen konnten und es einigen Anlauf braucht, um zum Hauptkonflikt vorzustoßen. Dennoch auf jeden Fall lesenswert und beeindruckenderweise der erste Roman eines damals noch unter-dreißigjährigen Schriftstellers.

Tolerant? Sind wir selber – Fundstück #1

Für kleine, interessante Schnipsel zwischendurch: Die Kategorie “Fundstücke”, die heute mit einer kleinen Videoserie begonnen wird.

Wer keine Pointe vorweggenommen haben möchte, sollte sich vor dem Weiterlesen das erste Video ansehen (dauert auch nur knapp 2 Minuten):

Auf dem YouTube-Kanal “Tolerant? Sind wir selber” finden sich derzeit auch zwei weitere kurze Videos; es gibt sie zudem mit Untertiteln auf Englisch, Französisch, Spanisch, Türkisch und Russisch. Ich mag die witzige Umkehrung der Rollen von Homo- und Heterosexualität, die veranschaulicht, was unterschwellig eigenartig am Umgang mit “Nicht-Heteros” ist (wobei auch andere Themen bezüglich verschiedener Lebensstile aufgegriffen werden, etwa die wertorientierten Väter in schwerer Lederjacke versus der reiche Workaholic). Außerdem sind ein paar bekannte Schauspielergesichter aus dem deutschsprachigen Raum dabei.

UN-Klimareporterin 2015 – auf zur Konferenzsimulation

Klimareporterin 2015

Heute hat das erste Informationstreffen der UN-Klimareporter 2015 stattgefunden und ich habe mich dazu entschlossen, damit meinen Blog hier zu beginnen. Damit kann ich auch die Entwicklung, Recherchen und Erlebnisse im Zuge des Projekts festhalten – aber eins nach dem anderen:

Worum geht’s bei den UN-Klimareportern?
Das Projekt ist eine Kooperation der österreichischen Jugend-Umwelt-Plattform JUMP und verschiedenen Universitäten und Hochschulen des Landes. Ziel ist es, dass sich eine Gruppe von gut 30 Studierenden intensiv mit der diesjährigen UN-Klimakonferenz beschäftigt, selbst eine Simulation der Konferenz durchführt und mit verschiedenen Aktionen darauf aufmerksam macht. Das wurde letztes Jahr erstmals zur Klimakonferenz in Lima umgesetzt und wird dieses Jahr anlässlich des großen Klimagipfels in Paris wiederholt.

Was ist heute passiert?
Viel Spannendes! Erstmals wurde die ganze Gruppe für einen Nachmittag zusammengerufen, nachdem wir diese Woche erfahren haben, dass wir dabei sind. Es sind Studenten aus vielen verschiedenen Ecken Österreichs (und mit mir auch aus einem Eck Deutschlands, aber ich fühle mich auch schon wienerisch) mit unterschiedlichen Studienrichtungen dabei – vom Umwelt- und Bioressourcenmanagement über Politikwissenschaften bis hin zur Anthropologie. Nach einer Kennenlernphase und der thematischen Annäherung durch gruppeninterne Beantwortung von grob gesagt umweltpolitischen Fragen gab es genauere Informationen zu Projektablauf und -inhalt.
Nach der langen sommerlichen Recherchephase, die uns bevorsteht, findet im Oktober ein dreitägiger Lernblock statt, bei dem wir auch mit Experten zu tun haben werden, die für die UNO gearbeitet haben. Im November werden wir dann an zwei Tagen die Klimakonferenzsimulation abhalten, woraufhin auch zwei aus unseren Reihen mit der österreichischen Delegation zum “echten” Klimagipfel nach Paris reisen. Dabei darf ich leider nicht dabei sein, weil ich keine österreichische Staatsbürgerin bin, aber es wäre wahrscheinlich ohnehin schwierig gewesen, sich bei über 30 Interessierten durchzusetzen. Und alle Aktionen klingen so aufregend und bereichernd, dass ich einfach froh bin, dabei zu sein!

Abkürzungen

Lernschritt eins: Einen Haufen Abkürzungen lernen.

Zum Schluss ging es dann auch schon daran, die eigene Rolle bei der Simulation zu bestimmen. Neben verschiedenen Ländern, die von jeweils einem oder mehreren Studierenden repräsentiert werden, gibt es auch die Rolle “Chair”, also den Vorsitz der Verhandlungen, die Organisation des Ablaufes und der Wortmeldungen. Das klang ebenfalls spannend, genauso wie die Vertretung von Ländern, mit denen man sich bis dato noch kaum beschäftigt hat (ganz abgesehen von ihren Meinungen zu globalen Klimainterventionen), wie in meinem Fall etwa den Marshall-Inseln* oder Bolivien. Letztendlich habe ich mich aber doch für Frankreich entschieden, nicht nur aus meinem generellen Interesse für das Land heraus, sondern auch, um mich näher mit dem diesjährigen Gastgeberland und dessen Verpflichtungen zu beschäftigen, meine Sprachkompetenz zu verbessern und mich in die “Meinung” eines Landes einzulesen, das zwar nicht so weit entfernt ist, mir aber dennoch relativ unbekannt, was dieses Thema angeht. Übrigens zu zweit, zusammen mit einer Kollegin.

* Falls ich nicht die Einzige bin mit der Bildungslücke “Marshall-Inseln” (auch wenn man den Namen vielleicht schon gehört hat): Das ist ein Inselstaat im Südpazifik, östlich der Philippinen. Tropisches Klima, Staatsoberhaupt: Präsident, 33 Abgeordnete im Parlament, die insgesamt knapp 70.000 Einwohner vertreten. Stark von den USA geprägt. Die Tourismusbranche ist im Aufbau, sorgt aber schon für 70% des Bruttoinlandsprodukts, wobei in diesem Bereich nur 10% der Bevölkerung beschäftigt sind. Sicher interessant zu vertreten, da der finanzschwache Inselstaat eines der ersten Länder sein wird, das vom steigenden Meeresspiegel, der mit dem Klimawandel einhergeht, direkt und dramatisch betroffen ist.